Nachdem ich im letzten September mein Projekt verwirklicht habe, die drei (vier, wenn man den Oktoberer als eigenen Grat ansieht) Wanderer-Grate an der Ostseite des Schneebergs an einem (Halb-) Tag zu bewältigen, und dabei nur knapp unterhalb der 3000 Hm Vertikaldistanz geblieben bin, stand jetzt eine Tour an, die auch dieses mythische Ziel erreichen sollte.
Heuer bin ich zwar nicht ganz so intensiv im Hochgebirge unterwegs gewesen, wie es noch letztes Jahr der Fall war, die Kondition sollte aber dennoch passen. Im Laufe des Sommers und Frühherbsts habe ich einige größere Touren (zwischen 1500 und 2000 Hm) in den Niederen Tauern gemacht, die mein Körper stets locker weggesteckt hat.
Ich starte also, wie so oft zuvor am kleinen Parkplatz im Schneebergdörfl. Die Uhr zeigt 06:45 und die Morgendämmerung taucht den Schneeberg in warme Orangetöne. Recht gemächlich steige ich über den Unteren Schneidergraben auf, quere am Nördlichen Grafensteig nach Süden und setze den Aufstieg über den Oktobergrat fort. In Gedanken versunken verliere ich knapp oberhalb der einstigen Schlüsselstelle des Herminensteigs den Weg aus den Augen und finde mich vor meiner Winter-Schicksals-Verschneidung (siehe Zwei Mal leichtes Winterbergsteigen am Schneeberg, 2024) wieder. Ich bin heute in Anbetracht der noch anstehenden Anstrengungen auf maximale Effizienz aus und daher nicht willens die fünf bis zehn Höhenmeter abzusteigen, um den richtigen Weg zu suchen. Weil ich ja weiß, dass es dahinter kurz und einfach zum Steig zurückgeht, durchklettere ich die Verschneidung. Die kurze Vertikalpassage sorgt für einiges an Motivation, wodurch ich im Folgenden mehrere direkte Gratabschnitte überklettere. Nach der Überwindung der 8-Meter-Schlusswand (III-) führt Gehgelände auf den Gipfel des Waxriegel. Bisher habe ich 2:20 h gebraucht und nicht allzu schnell steige ich hinüber auf den Gipfel des Klosterwappen, den ich präzise 3:00 h nach Aufbruch im Tal erreiche.
Jetzt steige ich über einen Abschnitt des Niederösterreichischen Landeswanderwegs hinab in Richtung Kientaler Hütte. Dort kann ich es mir nicht nehmen lassen noch schnell auf den Turmstein zu steigen, bin ich doch bei meinen zahlreichen Schneebergumrundungen immer wieder daran vorbeigegangen, ohne je seinen Gipfel zu besuchen. Der Weiterweg führt mich alsbald in die spektakulären Schluchten der Weichtalklamm, hier bin ich auch zum ersten Mal. Lieber spät als nie. Das Weichtalhaus im Höllental hat geöffnet, was auch Teil meiner Planung war. Hier lösche ich zügig meinen Durst, bevor ich fünf vor zwölf den langen Rückweg antrete. Die Weichtalklamm zieht sich ein bisserl, ist aber auch beim zweiten Mal noch sehr beeindruckend. Wär gespannt wie’s da bei Starkregen aussieht. Wenige Minute oberhalb der Weichtalklamm fülle ich an der Jakobsquelle meine Wasservorräte auf, ich bin wirklich sehr überrascht, dass hier so viel Wasser fließt, ist 2026 doch ein rekordverdächtig trockenes Jahr. An der Kientalerhütte schreite ich vorüber und befinde mich alsbald wieder im Gipfelanstieg. Mittlerweile mit fast 3000 Höhenmetern in den Haxen wird’s langsam zach. 100 Hm unterhalb des Klosterwappens schlinge ich meinen erst zweiten Müsliriegel hinunter, entgegen meinem Vorhaben, regelmäßig Energie zuzuführen, geht mir jetzt fast der Blutzucker aus. Der Riegel wirkt und durchaus zügig erreiche ich schließlich zum zweiten Mal den Gipfel, die Uhr zeigt 15:11.
Zurück gehts übers Plateau, dann über die unguten Schrofen des Oberen Schneidergrabens, bevor ich die Expressabfahrt über die Schotterpiste nehme. Diese fühlt sich heute auch nicht mehr so toll an wie üblich, meine Haxen sind doch etwas müde. Recht schnell erreiche ich über den Unteren Schneidergraben wieder den Parkplatz am Ortsende des Schneebergdörfl.
Es ist fünf vor fünf.
Horizontaldistanz: ~ 25 km
Vertikaldistanz: ≥ 3000 Hm
Dauer: 10:10 h
